Als die Piraten Ihre Basisdemokratie verloren

Basisdemokratie beginnt – wie man vermutet – an der Basis. Dort reifen Meinungen und Ideen, welche dann – gepusht durch dubiose Kanäle – von eben dieser Basis abgesegnet oder verworfen werden können. Dieser Vorgang funktioniert nur solange richtig gut, bis die Basis es nicht schafft sich von Mehrheitsmeinungen zu emanzipieren und nicht mehr über den Tellerrand blicken kann.

Genau das passiert gerade. Mit der unsäglichen, medial gezüchteten Debatte über Rechtsextremismus in der Piratenpartei wird der Basis eine Meinung vorgeschoben, welche Sie zu akzeptieren hat um im politischen Alltagsbetrieb in Deutschland mitspielen zu dürfen. Dabei ist das Thema gar nicht neu und eigentlich auch gar kein Piratenthema. Sicher gibt es eine Gefahr, durch dubiose Personen (s. Link oben) unterwandert zu werden. Allerdings gibt es diese Gefahr nur, wenn die Basis keinen unabhängigen Konsens finden kann. Das ist eine erstaunliche Methodik. Erst wird den Piraten erzählt, sie hätten ein Rechtsextremismusproblem, dann glauben die Piraten auch noch daran, distanzieren sich davon und bekommen in Zukunft doch nur wieder Probleme mit diesem Thema. Hat man sich erst einmal an einer Stelle gekratzt, fällt es schwer, damit aufzuhören.

Den Piraten ist dringend zu empfehlen sich auf Ihre Stärken zu besinnen und Basisdemokratie vorzuleben. Dazu gehört auch, sich der medialen Schlacht zu entziehen und kein weiteres Öl in Form von Entschuldigungsschreiben oder Bekennerbriefen ins Feuer zu gießen. Die Debatte darf auf keinen Fall innerhalb der Medien stattfinden oder von dort gelenkt werden.


Pop(e) culture

Der Papst ist in Deutschland. Katholiken freuen sich ihren Gott auf Erden zu sehen und zu hören. Seine Worte geben Hoffnung, lenken ab von den Problemen oder übertünchen sie.

Der Papst hat auch im Bundestag gesprochen. Auf Einladung des Bundestagspräsidenten Lammert vor ein paar Jahren redete er in seiner Position als Staatsoberhaupt des Vatikans vor

  1. Mandatsträgern, denen es um ihre mediale Präsenz während der Rede ging,
  2. Mandatsträgern, denen eine Abstinenz während seiner Rede zu viel schlechte mediale Aufmerksamkeit und damit schlechte Partei PR bedeutet hätte,
  3. Ausgewählten Gästen und Jubelpersern.

Das der Papst nicht als religiöses Oberhaupt (Gottes Helferlein im Bundestag) auftritt hat schlichte, formale gründe. Schließlich werden strenge Neutralitätsregeln an die Parlamentsarbeit angelegt. So ist also der Auftritt dieser Erscheinung nur legitim wenn er in seiner Position als staatliches Oberhaupt vor unseren gewählten Parlamentsvertretern spricht.

Die Frage ist jedoch: welches Staatsoberhaupt lässt sich so feiern?

Und für was denn nun? Die Verwaltung der Vatikanstadt ist mitnichten mit der eines 82-millionen Staates zu vergleichen. Steuern, also Ablässe, gibt es dort zwar auch, jedoch entfällt dieser lästige Kram mit der Demokratie und Gewaltenteilung. Politisch gesehen handelt es sich bei Vatikanstadt um eine Autokratie, Vergleichbar mit denen Nordkoreas oder Kubas.

Kann man das also so interpretieren, dass sich dort ein undemokratisches Staatsoberhaupt von gewählten Volksvertretern für seine politische Arbeit feiern lässt? Ja. Insofern ist es schon ein bisschen popeulistisch, wenn solche Artikel ernst genommen werden.


Kinderfalle

Bei einem Spaziergang durch die Konsumtempel auf der hiesigen Umsatzmeile ist mir heute folgende Auffälligkeit klar geworden: Abteilungen, die ein Warensortiment für Kinder führen, sind meistens in der obersten Etage eines dieser Konsumtempel. Dies beinhaltet Kinderbekleidung und Spielzeug. Dieses Ladendesign hat den offensichtlichen wirtschaftlichen Vorteil, dass Kinderlärm die umsatzstarken Käufergruppen nicht beim Geldausgeben stört. So wird die Aufenthaltszeit (das ist die Zeit bis man von den ganzen audiovisuellen Eindrücken genervt ist und abhaut) für diese Käufergruppen verlängert und außerdem das Image eines bequemen Einkaufscenters gepflegt.

Aber was ist wenn es brennt? Also, wenn ein Feuer ausbricht?

Dann haben die Kinder und Ihre Familien, ganz unabhängig von der Existenz von Notausgängen, stets den längeren Weg zum Ausgang. Ist das nicht schräg? Wir nehmen in Kauf, dass Kinder verbrennen könnten, damit Oma und Opa oder ein hedonistischer Kinderhasser bequem Ihre Kleider und Pollunder aussuchen können. Meiner Meinung nach ist das offensichtlich falsch, vor allem wenn man sich mal ein bisschen mit den Brandschutzbestimmungen in Deutschland auseinander gesetzt hat. Noch ein Aspekt der vom Geld geschaffen und kontrolliert wird.


Enquete Internet und Digitale Gesellschaft (2): Aufdröselei einer Inszenierung

Was am 04.07.2011 in der EIDG passiert ist, war nichts anderes als die Inszenierung politischer Machtinstrumente auf einer öffentlichen Bühne. Ich habe mir heute die Aufzeichnung der Sitzung von gestern angesehen und mir wurde ungefähr ab der Hälfte des Videos klar, das ich etwas darüber schreiben muss. Bis zum Zeitpunkt 1h25m läuft die Sitzung entsprechend der vorher von allen anwesenden Mitgliedern akzeptierten Tagesordnung. Diese sah zunächst die Abstimmung zu den Ergebnissen der Projektgruppen Urheberrecht, Netzneutralität und Datenschutz vor. Die Abstimmung zum Urheberrecht konnte ohne Probleme durchgeführt werden. Nach der Abstimmung wurde ein von padeluun, der von der FDP berufene Sachverständige, eingereichter Geschäftsordnungsantrag (GO-Antrag) auf eine 30 minütige Mittagspause angenommen (->1h26m). Den Rest des Beitrags lesen »


Des Zornes Bühne

Georg Schramm erklärt in seinem Bühnenprogramm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ die Politik aus der Sicht verschiedener, deutscher Stereotypen. Dabei werden Denkverbote mit einem erstaunlichen Ergebnis durchbrochen, sodass einem bei näherer Überlegung das Lachen im Halse stecken bleiben sollte. Besser, man hätte gar nicht gelacht. Thomas Bernhard hätte nämlich geschossen.


Historischer Buffer Overflow

Und weils so schön ist, will ich das auch hier niemandem vorenthalten:

 

Es gab also Zeiten, da waren selbst Manager einigen Hackern für ihre erweiterten Kenntnisse und unabhängigen Meinungen dankbar.


Enquete Internet und digitale Gesellschaft

Seit Anbeginn des Internet, aber erst seit knapp einem Jahrzehnt auch für alle Menschen in der Gesellschaft spürbar, tat sich zwischen den „Netizens“ und den „Offlinern“ eine wachsende Kluft auf. „Netizens“, das sind im Allgemeinen die Leute, die sich tagtäglich in irgendeiner Weise mit dem Internet beschäftigen und ihr Leben zusammen mit dem Internet gestalten. „Offliner“ sind Personen, die nicht den gleichen offenen und phantasievollen Umgang mit dem Internet pflegen und es höchstens als Werkzeug sehen, statt als Lebensraum. Wenn diese Schlagwörter, „Netizens“ und „Offliner“ in den Medien auftauchen, ist sich jeder bewusst, welcher Mensch gemeint ist. Wir machen uns sogar ein Bild von ihm im Kopf, dass dann je nach Laune etwas variiert, aber die fundierten Klischees zureichend bedient. Das gleiche tun wir, wenn wir „Freak“ hören, oder „Geek“, oder „Nerd“, oder „Nutte“, „Schlampe“, „Wichser“, „Arschloch“, usw. usf.

Damit der gemeine Bürger politische Konflikte auch bürgernah betrachten und anschließend bewerten kann, wurden eben diese zwei Kategorien erschaffen. Der Streit wäre viel zu abstrakt und unverständlich, würde er sich nur in Parlamenten und Ausschüssen abspielen. Um sich eine Meinung bilden zu können, muss sich der Mensch selber von etwas abgrenzen, sich selber ein Stück Freiheit nehmen und es den Anderen zum Vorwurf machen. Es kommt dem Menschen also nur gelegen, wenn wir Kategorien erschaffen, da wir sie viel einfacher miteinander verknüpfen und abwägen können. Diese Kategorisierung ist einerseits hilfreich, andererseits birgt sie gewisse Risiken. Das hängt ganz davon ab, wie weit es dem Menschen möglich ist, miteinander seine Meinungen auszutauschen.

Die Möglichkeiten der heutigen, verknüpften Gesellschaft waren noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar und wenn, dann waren diese Vorstellungen (oder Visionen, Ideen, …) meistens nicht sehr optimistisch. Die Entwicklung des Internets, insbesondere des WWW seit gut über 15 Jahren, hat sich derart Rasant vollzogen, dass wir es nicht geschafft haben unsere gesamtgesellschaftliche Meinungsbildung, über welche Themen auch immer,  an die neuen Werkzeuge anzupassen. Waren früher Zeitungen und Rundfunk die maßgeblichen Medien zur flächendeckenden Verbreitung von Information und Meinung, ist heute das Internet mit seinen unzähligen Diensten auf dem Weg, alle bisher dagewesenen Kommunikationsmöglichkeiten in den Schatten zu stellen. Das führt dazu, dass sich die Menschen der Meinungen Derer bewusst werden, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten. Jeder kann wissen, was ein Mensch aus Xanten über einen bestimmten Vorgang denkt, wenn er einen Kommentar eines Xanteners in einem  Nachrichtenportal liest, der unter einem Artikel steht der eben diesen Vorgang beschreibt. Eine Meinung kann nun, historisch gesehen ziemlich plötzlich, hunderte von Kilometern überbrücken. Wenn ein Vorgang vor 60 Jahren lokal begrenzt war und lediglich in den Lokalmedien zur Sprache kam, kann dieser Vorgang heute ein nationalpolitisches Problem auslösen, welches wieder der Ursprung für weitere Debatten ist.

Weil in der Prä-Internet-Zeit Informationen (und vor allem Meinungen) sehr viel länger gebraucht haben um eine gewisse Wegstrecke zurück zu legen, war die Kategorisierung sehr hilfreich. Diese Methode hatte zu dieser Zeit einen sehr viel höheren Nutzen (schnellere Lösung des Problems), als dass die Kosten (Verlust von Information) auch nur irgendwie mehrheitlich in Frage gestellt wurden.

In der Gegenwart merken wir nun, dass wir diese Kategorisierung nicht mehr brauchen. Informationen sind, für die, die es sich leisten können, zu jeder Zeit und immer verfügbar. Wenn sich der Mensch für ein Problem interessiert, kann er sich viele verschiedene Meinungen dazu kostenlos im Internet anhören. Mithilfe der dokumentierten Fakten kann man sich also nun differenziert und unvoreingenommen nahezu jedem Problem nähern, dass im Internet archiviert wird. Es gibt viele Menschen, welche diese Möglichkeiten politisiert und aktiviert haben. Diese Menschen glauben nicht mehr, was die Leitschlagzeilen der paar handvoll Verlage den anderen Medien zitieren. Vielen „Netizens“ ist die Meinung eines oder mehrerer klassischen Nachrichtenformate völlig egal geworden. Was heute für sie zählt, ist die Meinung der anderen Menschen. Dies erklärt auch den Erfolg des „Social Networking“. Die Menschen such nun differenziert nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden untereinander, als sich auf die wöchentlichen Umfragen der Magazine zu verlassen. Mit dieser Methode ergeben sich neue Möglichkeiten zur Konsensbildung und damit zur Lösung der eigentlichen Probleme.

Was hat nun die „Enquete Internet und digitale Gesellschaft“ (EIDG) mit all dem zu tun? In dieser Kommission des Bundestages, welche  aus 17 Parlamentariern und 17 Sachverständigen vor über einem Jahr gebildet wurde, wird nun versucht unter beiden Gruppen, „Netizens“ und „Offlinern“, auf einer nationalen, politischen Entscheidungsebene Gemeinsamkeiten zu finden um die Gesetze (und damit die in Konsequenz die Gesellschaft) dieses Landes an die neuen Möglichkeiten anzupassen.  Die gewachsene Kluft soll geschlossen werden. Dieses Bedürfnis wurde erkannt, als sich 2009 eine nicht unerheblich starke – und bis dato unbekannte – Minderheit gegen politische Entschlüsse und Vorschläge der damaligen Regierung gestellt hat. Aus der reinen Not geboren, versucht nun also die EIDG eine Lücke zu schließen. Aber existiert diese Lücke überhaupt? Gibt es die Kluft zwischen „Offlinern“ und „Netizens“ wirklich?

Diese Lücke gibt es nicht. Sie wurde, aus verschiedenen Motiven, extra geschaffen und herbei geredet. Schuld daran haben einige Politiker, Wirtschaftsverbände und Verlage, aber auch die Menschen selber. Einige Politiker, weil sie befürchten, dass sich Wissen und Meinung unbegrenzt und unverändert unter den Menschen verbreiten können. Verlage, weil sie Ihre Vertriebsstruktur und jahrzehntelang mühsam aufgebaute Hierarchie bedroht sehen. Und der etablierten Wirtschaft schlottern die Knie, weil sie kaum an dem profitablen Wachstumsgeschäft der Zukunft teilhaben kann. Lediglich einige Unternehmen, die mit dem Internet und aus dem Internet heraus entwickelt wurden (Google, Facebook, etc. pp.) ziehen einen Nutzen aus der Kommunikationsbereitschaft der Menschen, wobei man nicht aus den Augen verlieren darf, dass das Kommunikationsbedürfnis noch lange nicht gestillt zu sein scheint.

Diese Methoden sind leicht zu entlarven. Meistens wird versucht, die Angst vor dem neuen Medium „Internet“ zu verstärken. Man bemüht sich auserkorener Dämonen (Kinderpornographie, Betrug, moralische Degeneration) um den „Offliner“ auch „Offliner“ sein zu lassen. Der „Offliner“ wie er heute publiziert wird, soll der „Netizen“ von morgen sein. Der „Offliner“ von heute benutzt zwar auch das Internet, jedoch ist seine Betrachtungsweise eine gänzlich Andere. Wenn er sich im Internet bewegt hat er meist Angst „etwas falsch zu machen“ oder seine Daten irgendwo zu hinterlassen, weil er keine Ahnung hat ob er dem Dienstanbieter vertrauen kann, oder nicht. Der „Offliner“ kann nicht zwischen einer Buchseite oder einer Internetseite unterscheiden. Er geht vor und zurück, bedient sich aber selten der Mittel des WWW, die es erst so wertvoll machen. Und wann, dann tut er dies meistens unbewusst – z.b. durch einen Klick auf einen Werbebanner. Er hat sich im Internet nicht unter Kontrolle, weil er Schwarz und Weiß nicht unterscheiden kann. Der „Offliner“ wird mehr von audiovisuellen Reizen kontrolliert als vom literarischen Inhalt einer Homepage. Der „Netizen“ hingegen kennt sich aus. Er kann auf einer Homepage navigieren und von inhaltlich wertvollen Links und Werbeanzeigen unterscheiden. Er kennt die Kriterien für eine gute Homepage und weiß, wann er es mit einem unseriösen Angebot zu tun hat.

Wenn diese beiden Personen aufeinander treffen, kann man stets folgende Situation beobachten:

  • Der „Offliner“ sieht völlig verblüfft dem „Netizen“ bei seiner Arbeit im Internet zu
  • Der Netizen lacht sich insgeheim ins Fäustchen, wenn er den „Offliner“ hilflos über die Tastatur humpeln sieht (Wenn er ein netter „Netizen“ ist, hilft er dem „Offliner“ auch beim gehen… gelacht wird trotzdem)

Das ist der eigentliche Punkt, an dem sich die Menschen und Ihre Meinungen selbstständig voneinander entfernen. Die „Netizens“ sind zu Ignorant und zu Eitel, als dass sie den „Offlinern“ Zugeständnisse machen würden. Und die „Offliner“ sind zu Ignorant und zu Eitel, als dass sie sich irgendwas von den „Netizens“ sagen lassen würden. Genau diese Lücke versucht nun die EIDG zu schließen. Der Teil der Lücke, den wir uns selber gegraben haben, weil wir vergaßen, unsere Eltern und Großeltern in diese neue Zeit mitzunehmen. Gäbe es diesen Teil der Lücke nicht, wäre das Finden eines Konsens unter den Bürgern wesentlich einfacher und wir bräuchten die EIDG nicht. Die Menschen wüssten, welcher Partei sie die politische Entscheidung über Netzaffine Themen überlassen wollen: Nämlich der, die die Freiheit des Internet schützt und die Möglichkeiten zur Teilhabe ausbaut. Es sollte jedem „Netizen“ möglich sein die Vorteile der Vernetzung einem Unwissenden zu vermitteln, weil letztendlich jeder Mensch von einem freien Internet profitieren würde. Das sollte beweis genug sein, dass es eigentlich keine Lücke zwischen „Offlinern“ und „Netizens“ gibt.

Wütend bin ich darüber, dass wir uns selber so im Wege stehen.