Manifest eines fast 26 Jährigen im Jahr 2011

Wenn man in Deutschland aufwächst gewinnt man zwangsläufig den Eindruck, man befände sich in einer relativ guten Position. Der Zufriedenheitsfaktor eines kleinen menschlichen Wesens hängt schließlich nicht davon ab, welche Mißstände im Lebensumfeld einer der Infantilität entwachsenen Person das Leben zur unverständlichen Qual machen. Angenommen, die Kindheit verliefe weitgehend normal; Muttermilch oder Milchersatzstoffe machen einen kräftig, Spielzeug und Freunde stehen auf Abruf bereit („Kann der Dennis raus kommen zum spielen?“) und sonst gab es auch keinen erheblichen Stress. Papa und Mama oder Mama und Mama oder Papa und Papa haben bei Problemen immer den vollen Durchblick. Eine nach unseren Maßstäben normale Kindheit.

Nach einiger Zeit ist die kindliche Phase beendet. Neue Gedanken beginnen einen selbst zu Beschäftigen. Autos, Puppen und Sandkästen sind uninteressant und doch nur etwas für „Kinder“. Man fühlt sich groß, erwachsen, mündig und beginnt wie die Großen zu denken und zu handeln. Je nach Vorbild kann das nun völlig unterschiedliche Ergebnisse haben. In diesem Text gehe ich aber von politisch interessierten Bams-Lesern, Sportstudioguckern, seit dem 14. Lebensjahr arbeitenden Eltern aus, die schon immer froh und glücklich waren, sich in einem abschottenden und umkuschelnden Sozialstaat so richtig schön einrichten zu dürfen – so weit es einem aus ihrer Sicht zusteht. Nettigkeit und Höflichkeit standen im Umgang mit anderen Menschen immer im Vordergrund. Die gutbürgerliche, heuchlerische Art stammt noch von einer Generation, die heute noch die Straßenseite wechselt, um dem entgegen kommenden Arzt (Doktor) oder Pfarrer Platz zu machen (so wurde es mir berichtet). Sobald aber die Messe oder Untersuchung vorbei war durfte man beherzt über das eine oder andere lästern. Zu meckern hat man schließlich immer was und die dabei entstehende, kurzweilige Unterhaltung sorgte für Ablenkung im tristen Nachkriegsalltag.

Da hat man nun seine wundervolle Kindheit hinter sich gebracht, wundert sich über die seltsamsten Dinge die einem passieren und merkt anhand einer drastisch steigenden Anzahl von Konfliktherden in seinem persönlichen Umfeld, dass man seine Verteidigungsstrategien weiter ausbauen muss. Man lernt seinen eigenen, immer richtigen, über alles erhabenen Standpunkt mit physischer oder psychischer Gewalt, entgegen jeder Vernunft, gegenüber allen möglichen Angreifern zu verteidigen. Es werden keine Unterschiede zwischen Feinden gemacht. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Ein markantes Merkmal dieses Verhaltens ist die grundsätzliche Unterstellung böser (sprich: gegen mich) Motive.

Dieser Zustand, welcher zunächst jeglicher Logik- und Vernunft entbehrt, ist ein im Leben alles entscheidender Spin. Durch ihn lernt man, dass unser Denken und Handeln nicht nur die Gegenwart verändert, sondern die Weichen für die Zukunft maßgeblich durch uns selber beeinflusst werden. Dies erkennen nun nicht wenige erst viel zu spät, wenn man keine Chance hat noch etwas zu ändern und sich dann der selbstgemachten Fehlentscheidungen bewusst wird. Geplagt von seinem eigenen Gewissen wird man nur noch selten ehrlich lachen können. Das Leben wird bestimmt durch die Gewissheit, nicht das erreicht zu haben, was man hätte sein können; nicht das bewirkt zu haben, was man hätte verändern können.

Demgegenüber stehen Menschen, die diese Erkenntnis nicht schon früher erreicht sondern auch ausgebaut haben. Sie haben erkannt, dass es völlig egal ist, ob man nun nett und höflich daher redet oder sich wie das kleine Arschloch benimmt. Alleine das zu erreichende Ziel bestimmt die Art, wie wir miteinander umgehen. Ein/e Ellbogen-Karrierist/in wird nett und höflich sein, wenn es sein muss. Er/Sie wird skrupellos und ohne Rücksicht agieren, wenn es sein muss, um bestimmte Karriereziele zu erreichen.

So ähnlich wird es jemand machen, der altruistische Ziele verfolgt oder meint, altruistische Ziele zu verfolgen. Sein Motiv wird über jeden Preis gestellt und nicht selten müssen dafür andere Menschen Opfer bringen. Es muss bei diesem Typ allerdings einen Unterschied geben: Er/Sie wird seine/ihre Ziele immer transparent und ehrlich den Betroffenen mitteilen. Das ist ein äußerst wichtiger Faktor. Nur durch Ehrlichkeit und Transparenz lässt sich eine Vielzahl von Menschen darauf ein, etwas abzugeben, um in der Zukunft etwas zu erhalten (entweder für sich selber, oder für die Nachkommen).

Allein die Antwort auf die Frage, welches Ziel wir unserem Leben geben, ist entscheidend für dessen Weg.

Schuld daran hat man selbst oder äußere Einflüsse. Der lobenswerten Tatsache das wir uns diese Frage, auf Grund eines nicht existenten Zufriedenheitsgefühls mit der Antwort, immer wieder stellen, steht die bequeme und faule Suche nach der Antwort diametral entgegen.
Schwierige Antworten sind nichts für Menschen. Der Mensch möchte immer einfache Antworten haben, die zwar falsch sein können, auf Grund ihrer Simplizität aber von jedem halbwegs durchwachsenen Gehirn erfasst und zum späteren Abruf gespeichert werden können. Diese Antworten werden frühestens dann angezweifelt, wenn das Fundament dafür brüchig wird, man auf einmal erkennt, dass man getäuscht oder betrogen wurde.

Nicht immer trauen sich die Menschen, die Wahrheit als gegeben anzunehmen. Sie versuchen durch Dehnen, Strecken und Umorganisieren der Informationslage die Wahrheit wieder wahr werden zu lassen, anstatt sie als falsch abzulegen. Es ist viel einfacher, auf dieser Basis weiterzuleben, als sich einer neuen Situation anzupassen und sein Verhalten entsprechend zu ändern. Dieser Zustand, diese Peinlichkeit, dass nicht zugeben von wahren Informationen, ist die größte Sünde unserer modernen Gesellschaft. Wir verdrängen die Probleme, die eine Entwicklung behindern und stellen uns nicht den Herausforderungen des 3. Jahrtausends. Ein paar Beispiele:

  • viele Menschen wissen, dass sich das Klima verändert und dadurch für einige Menschengruppen unwiderrufliche Nachteile entstehen werden, welche sich dann, z.B. durch Migrationen, auch auf die nicht direkt betroffenen Menschen auswirken wird. Und was wird dagegen, auf globaler Ebene, getan? Nichts.
  • seit das Internet die Verbreitung von Informationen für die Menschen so wesentlich erleichtert hat, ist man auch in der Lage, mehr Informationen zu bekommen, als über die klassischen Medien wie Print und Fernsehen. Und was kann man nun im Internet lesen? Man liest, dass sich Politiker, die einen Eid darauf geschworen haben, zum Wohle des Volkes zu dienen, sich in Ihren Entscheidungen meist nur durch wenige Faktoren beirren lassen. Nicht der Wille des Volkes ist entscheidend, sondern die politischen Verstrickungen und Versprechungen zwischen Regierung und Unternehmen, der Fraktionszwang und die Aussicht, mit einer Entscheidung mehr Stimmen bei der nächsten Wahl zu erhalten.

Diese Informationen sind im Internet leicht innerhalb von einer paar Minuten zu recherchieren. Jeder  gebildete Mensch, vor allem in Deutschland, wäre dazu in der Lage. Aber warum haben diese Informationen dann keine Auswirkungen auf die Gegenwart? Weil die Menschen diese Informationen zwar aufnehmen, sie aber nicht zu der Wahrheit zusammen setzen, die existiert. Der Zusammenschluss dieser Informationen und die daraus resultierende Folgerung, dass unser Staat keine Demokratie ist, ist für viele Menschen einfach nicht akzeptabel. Wer möchte schon in einer Bananenrepublik leben?

Nun, ich als 25-jähriger, selbstdenkender Mensch, habe es schwer, meine Ansichten unter meinen Leuten zu teilen. Erfahre ich doch immer wieder ärgerliche Konterreaktionen auf meine Person. Es ist sehr schwer den Menschen (vielleicht besonders schwer, den Deutschen) beizubringen, dass Veränderungen nötig sind, damit die Perspektive unserer Gesellschaft wieder Hoffnung und Besserung zulässt. Wer glaubt schon daran, dass wir in 50 Jahren besser leben werden, als heute?

Den Menschen dies beizubringen, schonend, provokant, manchmal lustig, darum soll es in diesem Blog gehen. Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Dabei sollte aber nie das Ziel aus den Augen verloren gehen.

Syndikalistische Grüße!

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