Des Zornes Bühne

Georg Schramm erklärt in seinem Bühnenprogramm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ die Politik aus der Sicht verschiedener, deutscher Stereotypen. Dabei werden Denkverbote mit einem erstaunlichen Ergebnis durchbrochen, sodass einem bei näherer Überlegung das Lachen im Halse stecken bleiben sollte. Besser, man hätte gar nicht gelacht. Thomas Bernhard hätte nämlich geschossen.


Enquete Internet und digitale Gesellschaft

Seit Anbeginn des Internet, aber erst seit knapp einem Jahrzehnt auch für alle Menschen in der Gesellschaft spürbar, tat sich zwischen den „Netizens“ und den „Offlinern“ eine wachsende Kluft auf. „Netizens“, das sind im Allgemeinen die Leute, die sich tagtäglich in irgendeiner Weise mit dem Internet beschäftigen und ihr Leben zusammen mit dem Internet gestalten. „Offliner“ sind Personen, die nicht den gleichen offenen und phantasievollen Umgang mit dem Internet pflegen und es höchstens als Werkzeug sehen, statt als Lebensraum. Wenn diese Schlagwörter, „Netizens“ und „Offliner“ in den Medien auftauchen, ist sich jeder bewusst, welcher Mensch gemeint ist. Wir machen uns sogar ein Bild von ihm im Kopf, dass dann je nach Laune etwas variiert, aber die fundierten Klischees zureichend bedient. Das gleiche tun wir, wenn wir „Freak“ hören, oder „Geek“, oder „Nerd“, oder „Nutte“, „Schlampe“, „Wichser“, „Arschloch“, usw. usf.

Damit der gemeine Bürger politische Konflikte auch bürgernah betrachten und anschließend bewerten kann, wurden eben diese zwei Kategorien erschaffen. Der Streit wäre viel zu abstrakt und unverständlich, würde er sich nur in Parlamenten und Ausschüssen abspielen. Um sich eine Meinung bilden zu können, muss sich der Mensch selber von etwas abgrenzen, sich selber ein Stück Freiheit nehmen und es den Anderen zum Vorwurf machen. Es kommt dem Menschen also nur gelegen, wenn wir Kategorien erschaffen, da wir sie viel einfacher miteinander verknüpfen und abwägen können. Diese Kategorisierung ist einerseits hilfreich, andererseits birgt sie gewisse Risiken. Das hängt ganz davon ab, wie weit es dem Menschen möglich ist, miteinander seine Meinungen auszutauschen.

Die Möglichkeiten der heutigen, verknüpften Gesellschaft waren noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar und wenn, dann waren diese Vorstellungen (oder Visionen, Ideen, …) meistens nicht sehr optimistisch. Die Entwicklung des Internets, insbesondere des WWW seit gut über 15 Jahren, hat sich derart Rasant vollzogen, dass wir es nicht geschafft haben unsere gesamtgesellschaftliche Meinungsbildung, über welche Themen auch immer,  an die neuen Werkzeuge anzupassen. Waren früher Zeitungen und Rundfunk die maßgeblichen Medien zur flächendeckenden Verbreitung von Information und Meinung, ist heute das Internet mit seinen unzähligen Diensten auf dem Weg, alle bisher dagewesenen Kommunikationsmöglichkeiten in den Schatten zu stellen. Das führt dazu, dass sich die Menschen der Meinungen Derer bewusst werden, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten. Jeder kann wissen, was ein Mensch aus Xanten über einen bestimmten Vorgang denkt, wenn er einen Kommentar eines Xanteners in einem  Nachrichtenportal liest, der unter einem Artikel steht der eben diesen Vorgang beschreibt. Eine Meinung kann nun, historisch gesehen ziemlich plötzlich, hunderte von Kilometern überbrücken. Wenn ein Vorgang vor 60 Jahren lokal begrenzt war und lediglich in den Lokalmedien zur Sprache kam, kann dieser Vorgang heute ein nationalpolitisches Problem auslösen, welches wieder der Ursprung für weitere Debatten ist.

Weil in der Prä-Internet-Zeit Informationen (und vor allem Meinungen) sehr viel länger gebraucht haben um eine gewisse Wegstrecke zurück zu legen, war die Kategorisierung sehr hilfreich. Diese Methode hatte zu dieser Zeit einen sehr viel höheren Nutzen (schnellere Lösung des Problems), als dass die Kosten (Verlust von Information) auch nur irgendwie mehrheitlich in Frage gestellt wurden.

In der Gegenwart merken wir nun, dass wir diese Kategorisierung nicht mehr brauchen. Informationen sind, für die, die es sich leisten können, zu jeder Zeit und immer verfügbar. Wenn sich der Mensch für ein Problem interessiert, kann er sich viele verschiedene Meinungen dazu kostenlos im Internet anhören. Mithilfe der dokumentierten Fakten kann man sich also nun differenziert und unvoreingenommen nahezu jedem Problem nähern, dass im Internet archiviert wird. Es gibt viele Menschen, welche diese Möglichkeiten politisiert und aktiviert haben. Diese Menschen glauben nicht mehr, was die Leitschlagzeilen der paar handvoll Verlage den anderen Medien zitieren. Vielen „Netizens“ ist die Meinung eines oder mehrerer klassischen Nachrichtenformate völlig egal geworden. Was heute für sie zählt, ist die Meinung der anderen Menschen. Dies erklärt auch den Erfolg des „Social Networking“. Die Menschen such nun differenziert nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden untereinander, als sich auf die wöchentlichen Umfragen der Magazine zu verlassen. Mit dieser Methode ergeben sich neue Möglichkeiten zur Konsensbildung und damit zur Lösung der eigentlichen Probleme.

Was hat nun die „Enquete Internet und digitale Gesellschaft“ (EIDG) mit all dem zu tun? In dieser Kommission des Bundestages, welche  aus 17 Parlamentariern und 17 Sachverständigen vor über einem Jahr gebildet wurde, wird nun versucht unter beiden Gruppen, „Netizens“ und „Offlinern“, auf einer nationalen, politischen Entscheidungsebene Gemeinsamkeiten zu finden um die Gesetze (und damit die in Konsequenz die Gesellschaft) dieses Landes an die neuen Möglichkeiten anzupassen.  Die gewachsene Kluft soll geschlossen werden. Dieses Bedürfnis wurde erkannt, als sich 2009 eine nicht unerheblich starke – und bis dato unbekannte – Minderheit gegen politische Entschlüsse und Vorschläge der damaligen Regierung gestellt hat. Aus der reinen Not geboren, versucht nun also die EIDG eine Lücke zu schließen. Aber existiert diese Lücke überhaupt? Gibt es die Kluft zwischen „Offlinern“ und „Netizens“ wirklich?

Diese Lücke gibt es nicht. Sie wurde, aus verschiedenen Motiven, extra geschaffen und herbei geredet. Schuld daran haben einige Politiker, Wirtschaftsverbände und Verlage, aber auch die Menschen selber. Einige Politiker, weil sie befürchten, dass sich Wissen und Meinung unbegrenzt und unverändert unter den Menschen verbreiten können. Verlage, weil sie Ihre Vertriebsstruktur und jahrzehntelang mühsam aufgebaute Hierarchie bedroht sehen. Und der etablierten Wirtschaft schlottern die Knie, weil sie kaum an dem profitablen Wachstumsgeschäft der Zukunft teilhaben kann. Lediglich einige Unternehmen, die mit dem Internet und aus dem Internet heraus entwickelt wurden (Google, Facebook, etc. pp.) ziehen einen Nutzen aus der Kommunikationsbereitschaft der Menschen, wobei man nicht aus den Augen verlieren darf, dass das Kommunikationsbedürfnis noch lange nicht gestillt zu sein scheint.

Diese Methoden sind leicht zu entlarven. Meistens wird versucht, die Angst vor dem neuen Medium „Internet“ zu verstärken. Man bemüht sich auserkorener Dämonen (Kinderpornographie, Betrug, moralische Degeneration) um den „Offliner“ auch „Offliner“ sein zu lassen. Der „Offliner“ wie er heute publiziert wird, soll der „Netizen“ von morgen sein. Der „Offliner“ von heute benutzt zwar auch das Internet, jedoch ist seine Betrachtungsweise eine gänzlich Andere. Wenn er sich im Internet bewegt hat er meist Angst „etwas falsch zu machen“ oder seine Daten irgendwo zu hinterlassen, weil er keine Ahnung hat ob er dem Dienstanbieter vertrauen kann, oder nicht. Der „Offliner“ kann nicht zwischen einer Buchseite oder einer Internetseite unterscheiden. Er geht vor und zurück, bedient sich aber selten der Mittel des WWW, die es erst so wertvoll machen. Und wann, dann tut er dies meistens unbewusst – z.b. durch einen Klick auf einen Werbebanner. Er hat sich im Internet nicht unter Kontrolle, weil er Schwarz und Weiß nicht unterscheiden kann. Der „Offliner“ wird mehr von audiovisuellen Reizen kontrolliert als vom literarischen Inhalt einer Homepage. Der „Netizen“ hingegen kennt sich aus. Er kann auf einer Homepage navigieren und von inhaltlich wertvollen Links und Werbeanzeigen unterscheiden. Er kennt die Kriterien für eine gute Homepage und weiß, wann er es mit einem unseriösen Angebot zu tun hat.

Wenn diese beiden Personen aufeinander treffen, kann man stets folgende Situation beobachten:

  • Der „Offliner“ sieht völlig verblüfft dem „Netizen“ bei seiner Arbeit im Internet zu
  • Der Netizen lacht sich insgeheim ins Fäustchen, wenn er den „Offliner“ hilflos über die Tastatur humpeln sieht (Wenn er ein netter „Netizen“ ist, hilft er dem „Offliner“ auch beim gehen… gelacht wird trotzdem)

Das ist der eigentliche Punkt, an dem sich die Menschen und Ihre Meinungen selbstständig voneinander entfernen. Die „Netizens“ sind zu Ignorant und zu Eitel, als dass sie den „Offlinern“ Zugeständnisse machen würden. Und die „Offliner“ sind zu Ignorant und zu Eitel, als dass sie sich irgendwas von den „Netizens“ sagen lassen würden. Genau diese Lücke versucht nun die EIDG zu schließen. Der Teil der Lücke, den wir uns selber gegraben haben, weil wir vergaßen, unsere Eltern und Großeltern in diese neue Zeit mitzunehmen. Gäbe es diesen Teil der Lücke nicht, wäre das Finden eines Konsens unter den Bürgern wesentlich einfacher und wir bräuchten die EIDG nicht. Die Menschen wüssten, welcher Partei sie die politische Entscheidung über Netzaffine Themen überlassen wollen: Nämlich der, die die Freiheit des Internet schützt und die Möglichkeiten zur Teilhabe ausbaut. Es sollte jedem „Netizen“ möglich sein die Vorteile der Vernetzung einem Unwissenden zu vermitteln, weil letztendlich jeder Mensch von einem freien Internet profitieren würde. Das sollte beweis genug sein, dass es eigentlich keine Lücke zwischen „Offlinern“ und „Netizens“ gibt.

Wütend bin ich darüber, dass wir uns selber so im Wege stehen.


Offener Brief an Georg Schramm

Letzten schrob ich diesen offenen Brief an Herrn Georg Schramm:

Lieber Herr Schramm,

 nachdem ich nun einige Ihrer Kabarett-Auftritte gesehen habe – zugegeben, nicht live, sondern immer nur Aufzeichnungen, ich habe also noch nie für Ihre Show bezahlt (bitte liebe Agentur, lassen Sie das kein Kriterium sein, diesen Brief nicht weiterzuleiten) – komme ich nicht umhin Ihnen meinen großen Dank auszusprechen und Ihnen mein großes Leid zu klagen, welches Sie teilweise durch Ihre Auftritte nur noch verstärkt haben.

Ihre Wortbeiträge lösen bei den Menschen stets Gelächter aus. Die schrecklichen Fakten, die Sie in Ihren komödialen Referaten den Menschen meist lustig beizubringen versuchen, lösen bei mir allerdings nur noch mehr Wut und Trauer. Wütend bin ich, dass die Menschen in diesem Land, gar auf der ganzen Welt, nicht an erster Stelle stehen. Das Geld regiert die Welt – und das Geld haben einige obere 10.000. Wütend bin ich auch darüber, dass das Volk durch altmodische, römische Prinzipien von vorne bis hinten verarscht wird. Wütend bin ich, dass immer noch mehr Werte für den Werterhalt einiger Werte ausgegeben werden, als für die Zukunft der Menschen. Wütend bin ich darüber, dass unsere, eigentlich gut gemeinten Grundgesetze, für die Politik offensichtlich nur noch Hindernisse auf Ihrem Weg sind.

Dieses ständige Wütendsein, das erschöpft doch nahezu alle Reserven, die ein Mensch aufbringen sollte, um sich seiner Verantwortung in seinem eigenen Leben bewusst zu sein. Was soll ich noch arbeiten, wenn es doch keine Zukunft für mich oder für andere bringt? Warum soll ich Kinder in diese Welt setzen, wenn Sie doch noch schlechtere Aussichten haben, als es in der Gegenwart schon der Fall ist? Verstehen Sie mich recht: Eigentlich will ich ja Kinder haben, ich möchte für eine Familie sorgen und verantwortlich und vernunftbegabt handeln. Die Energie, die ein Mensch in sich trägt, sollte doch genau dafür da sein. Denn schließlich ist es doch der einzige heute erkennbare Grund, warum wir uns überhaupt noch auf Steuererklärungen, Praxisgebühr, Staatsterrorismus, Verkehrskollaps, Krieg und Politik einlassen. Wir wissen das immer jemand hinter uns steht. Das die eigene Familie stets der Ort ist, an dem wir uns wieder den urmenschlichen Prinzipien nähern. Familie ist für mich der einzige Sinn des Lebens, den ich bis heute erkennen kann.

Traurig bin ich aber auch. Traurig bin ich darüber, dass die Menschen, vor denen Sie sprechen, stets nur über Ihre Reden lachen können. Traurig bin ich darüber, dass diese Menschen, sobald sie den Saal verlassen haben, sich wahrscheinlich keine Veränderungen herbeiwünschen. Traurig bin ich auch darüber, dass man diesen Menschen wahrscheinlich nicht einmal etwas dafür vorwerfen kann.

Warum wollen diese Menschen keine Veränderung? Weil Sie Familie haben und diese so gut wie möglich zu Schützen versuchen. Das dies, wenn man die Zukunft recht betrachtet, reichlich irrational erscheint, ist für mich ein Punkt den ich noch erläutern muss.

Traurig bin ich darüber, dass die Menschen über die Wahrheit nur noch lachen können, aber die Lügen, die Ihnen die Leitmedien auftischen, stets kopfschüttelnd und grimmig dreinblickend in ihrem Bekanntenkreis saftige Sagen schwingen und diese zum Thema der Woche erkoren. 

In meiner Ausbildung wurde bei mir beigebracht Ziele zu erreichen. Nur durch das stetige, unablässige Erreichen gesetzter Ziele ist die wirtschaftliche Stabilität eines Unternehmens gesichert. Nichts zu erreichen bedeutet Stagnation, bedeutet den wirtschaftlichen Tod. Und sei das Ziel auch noch so klein: es gilt, dies zu erreichen und den Anderen zu kommunizieren. Dann kann man zu sich selber sagen, dass man etwas geschafft hat.

Dieses einfache wirtschaftliche Prinzip gilt natürlich auch für unseren Staat. Ziele müssen erreicht werden, das Plansoll muss eingehalten werden.  Die Bilanz muss stimmen, egal was es kostet (ein schönes Wortspiel, wie ich finde). Wenn man dieses einfache Prinzip, die Schablone des kleinsten wirtschaftlichen Faktors, des Arbeiters und Angestellten, nun auf den Schatten der Politik legen würde, sähe man die Umrisse des Dämons der Korruption und Kriminalität. Die Ziele unserer Regierung stimmen nämlich schon lange nicht mehr mit denen überein, für die der Arbeiter und Angestellte im schlimmsten Fall sein Leben riskieren soll. Wäre diese Schablone kongruent zu dem erwähnten Schatten, würde wahrscheinlich niemand mehr arbeiten gehen, sondern Rauben und Morden. 

Wie also kann sich ein aufgeklärter Mensch in dieser Gesellschaft behaupten? Wie kann er von Anderen ernst genommen werden? Wo muss man die Menschen anstoßen, damit sie aus Ihrem dissonanten Tal, in dem Wahrheit und Lüge umgekehrt sind, herausrollen? Wann wird der Mensch nicht mehr belacht, der sich traut, die Lüge als Wahrheit zu deklarieren? Wann wird in Ihren Vorstellungen nicht mehr gelacht?

Das Problem, und gleichzeitig unser Segen (also unser Fluch), die Familie, ist für mich immer noch der einzige erkennbare Grund. Zugegeben, für Manche ist die Familie das Sechserpack Bier, die Sportschau am Abend, ein Einkaufsbummel oder der Discobesuch am Wochenende. Die Verlustangst ist aber die gleiche, sozusagen eine Ersatzangst. Des Volkes Methadon. Die Angst, diese Institution des Lebens zu verlieren, ist größer als der Wunsch nach einer menschlicheren Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder. Unsere, also die individuelle Gegenwart, ist uns wichtiger als unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. Obwohl wir die Gegenwart nie beeinflussen können, da sie in jedem Augenblick auch schon wieder vorbei ist. Die Menschen haben sich noch nie auf die Aussicht einer rosigen Zukunft erquicken lassen. Stellen Sie einen Menschen vor die Wahl, wird er immer die zu seinem eigenen Nutzen beitragende Option wählen. Wir können gar nicht anders Denken, glaube ich.

Das ist für mich der moderne Mangel des Menschen. Nicht die fehlenden Klauen, Reißzähne oder Fluchtinstinkte machen uns heute dazu, sondern der über die Familie hinausgehende, fehlende Zusammenhalt. Das Sippendenken ist fest in uns verankert. Selbst unsere Großstädte, Verkehrsverbindungen und Kommunikationsformen können dies noch nicht überwinden. Während wir also große Häuser bauen, Autobahnen teeren und Kommunikationskabel verlegen sind wir uns gar nicht bewusst, dass die meisten Menschen für diese Welt noch gar nicht bereit sind. Während wir Gedanklich innerhalb der Sippe residieren, sehen wir die anderen Sippen gar nicht, die um uns herum das gleiche denken. Wir sind gerade dabei uns auf unserem eigenen, evolutionären Weg zu überheben; wieder einmal. Der Schwanz überholt den Kopf und dann stolpern wir. Dieser Rhythmus hat sich in der nahen und fernen Geschichte schon oft wiederholt, wie sich an dem dokumentierten, globalen Leid erkennen lässt. Leider lassen die Anzeichen nichts anderes zu, als dass sich dieser Rhythmus gerade im Stadium des Ausscherens befindet.

Letztendlich ist es unser Egoismus, der uns dazu antreibt, nichts zu tun. Ein Impuls, der unsere Trägheit zu überwinden vermag, wäre nötig um aus einem lachenden Publikum ein Revoltierendes zu machen. Woher soll dieser Impuls kommen? Von wem? Ich fühle mich jedenfalls noch nicht dazu in der Lage. Die Hoffnung, die dieses Schreiben mir geben sollte, dass ich die Wahrheit von der Lüge unterscheiden kann, diese Hoffnung sollte mir soviel Zuversicht geben, dass ich mit Fackel und Heugabel auf die Straße gehen kann. Jedoch wird die Hoffnung getrübt, von der Frage, ob ich die Welt tatsächlich richtig sehe. Ich könnte fast glauben, ich sei verrückt, da ich zwar selbst von Wahrheit und Lüge zu unterscheiden vermag, mir jedoch eingeredet wird, dass man alles so hinzunehmen hat, wie es kommt und das die Wahrheit nichts anderes ist als das, was wir gerade vor Augen haben – nicht, was dahinter steckt.

Die Tatsache, dass unsere Regierung nicht mehr ist als ein Haufen voller Halunken, würde mir leider relativ früh bewusst. Wäre dies ein paar Jahre später passiert, hätte ich vielleicht noch die Chance gehabt, mein Leben diesem System anzupassen. Morgen werde ich 26 Jahre alt und hoffe, dass in mir irgendwann der Funke aufglüht, die Faust zu ballen und allen anderen mal so richtig auf die Fresse zu hauen.

Hochachtungsvoll,

xxx


wie wir etwas verändern könnten

Das schaffen einer antiautoritären sozialistischen Gesellschaft kann nicht durch politische Reformen erreicht werden. Politische Reformen sind immer Aktionen oberer staatlicher Instanzen, nie des Volkes bzw. der Gesellschaft. Nachhaltige Veränderungen können nur durch Überzeugungsarbeit vollzogen werden. Das Volk muss durch direkte Aktionen über die Missstände aufgeklärt werden. Dabei darf nicht zwischen einzelnen Gruppen unterschieden werden. Jeder Mensch muss bei diesen Aktionen gleich behandelt werden, sei er Beamter, Angestellter, oder Selbständiger. Es kann und darf keine Veränderung geben, bei der eine bestimmte Gruppe von vornherein ausgeschlossen wird.

Aufklärung sollte das oberste Ziel aller Syndikalisten sein. Dabei darf die Aufklärung auch soweit gehen, wie sie muss, um Informationen aus staatlicher oder wirtschaftlicher Hand der öffentlichen Mehrheit zu präsentieren. Besonders für  Informationen, die einer Geheimhaltung unterliegen, müssen Gesetze gebrochen werden. Die Extraktion und Aufbereitung dieser Informationen hat oberste Priorität. Menschen, die diese Informationen herausholen, bedürfen besonderer Unterstützung ihrer Gleichgesinnten.

Gemeinsame Aktionen, wie Demonstrationen, Sitzblockaden oder andere, Aufmerksamkeit erregende, öffentliche Auftritte sind probate Mittel, um die Informationen der breiten Öffentlichkeit mitzuteilen. Auf physische Gewalt muss dabei soweit Verzichtet werden, wie es die Gegenaktionen jedweder Unterdrückungsorgane zulassen. Nur durch den gewaltfreien Widerstand schafft man sich Respekt und Anerkennung in der Öffentlichkeit. Gewalt schreckt jeden Menschen ab, bzw. sollte jeden Menschen abschrecken und ist der Sache nicht dienlich.

Nachwuchs rekrutieren. Dies sollte ein weiteres wichtiges Vorhaben sein. Die Menschen müssen dann aufgeklärt werden, wenn sie beginnen, sich für eine politische Richtung zu entscheiden. Da aber die meisten Jugendlichen, die vor einer politischen Entscheidung stehen, nur auf Grund der fehler- und lückenhaften Informationslage in den Leitmedien und Schulen, diese Entscheidung treffen können, ist die jugendgerechte Aufklärung und Verbreitung der Informationen ein wesentlicher Bestandteil der revolutionistischen Arbeit.

Glaubwürdigkeit untergraben. Menschen mit hohem Ansehen und breiter Verfügungsgewalt müssen entlarvt werden. Gerade Mandatsträger besitzen ein hohes Maß an Skrupellosigkeit. Diese Skrupellosigkeit, dass Hintenanstellen der Volksstimme bei wichtigen Entscheidungen, muss auf breiter Ebene kommuniziert werden.

All dies muss mit Ehrlichkeit und Transparenz erfolgen, wenn wir erfolgreich sein wollen. Falsche Informationen, die von unserer Seite herausgegeben werden, sind der Sache nicht dienlich.


Manifest eines fast 26 Jährigen im Jahr 2011

Wenn man in Deutschland aufwächst gewinnt man zwangsläufig den Eindruck, man befände sich in einer relativ guten Position. Der Zufriedenheitsfaktor eines kleinen menschlichen Wesens hängt schließlich nicht davon ab, welche Mißstände im Lebensumfeld einer der Infantilität entwachsenen Person das Leben zur unverständlichen Qual machen. Angenommen, die Kindheit verliefe weitgehend normal; Muttermilch oder Milchersatzstoffe machen einen kräftig, Spielzeug und Freunde stehen auf Abruf bereit („Kann der Dennis raus kommen zum spielen?“) und sonst gab es auch keinen erheblichen Stress. Papa und Mama oder Mama und Mama oder Papa und Papa haben bei Problemen immer den vollen Durchblick. Eine nach unseren Maßstäben normale Kindheit.

Nach einiger Zeit ist die kindliche Phase beendet. Neue Gedanken beginnen einen selbst zu Beschäftigen. Autos, Puppen und Sandkästen sind uninteressant und doch nur etwas für „Kinder“. Man fühlt sich groß, erwachsen, mündig und beginnt wie die Großen zu denken und zu handeln. Je nach Vorbild kann das nun völlig unterschiedliche Ergebnisse haben. In diesem Text gehe ich aber von politisch interessierten Bams-Lesern, Sportstudioguckern, seit dem 14. Lebensjahr arbeitenden Eltern aus, die schon immer froh und glücklich waren, sich in einem abschottenden und umkuschelnden Sozialstaat so richtig schön einrichten zu dürfen – so weit es einem aus ihrer Sicht zusteht. Nettigkeit und Höflichkeit standen im Umgang mit anderen Menschen immer im Vordergrund. Die gutbürgerliche, heuchlerische Art stammt noch von einer Generation, die heute noch die Straßenseite wechselt, um dem entgegen kommenden Arzt (Doktor) oder Pfarrer Platz zu machen (so wurde es mir berichtet). Sobald aber die Messe oder Untersuchung vorbei war durfte man beherzt über das eine oder andere lästern. Zu meckern hat man schließlich immer was und die dabei entstehende, kurzweilige Unterhaltung sorgte für Ablenkung im tristen Nachkriegsalltag.

Da hat man nun seine wundervolle Kindheit hinter sich gebracht, wundert sich über die seltsamsten Dinge die einem passieren und merkt anhand einer drastisch steigenden Anzahl von Konfliktherden in seinem persönlichen Umfeld, dass man seine Verteidigungsstrategien weiter ausbauen muss. Man lernt seinen eigenen, immer richtigen, über alles erhabenen Standpunkt mit physischer oder psychischer Gewalt, entgegen jeder Vernunft, gegenüber allen möglichen Angreifern zu verteidigen. Es werden keine Unterschiede zwischen Feinden gemacht. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Ein markantes Merkmal dieses Verhaltens ist die grundsätzliche Unterstellung böser (sprich: gegen mich) Motive.

Dieser Zustand, welcher zunächst jeglicher Logik- und Vernunft entbehrt, ist ein im Leben alles entscheidender Spin. Durch ihn lernt man, dass unser Denken und Handeln nicht nur die Gegenwart verändert, sondern die Weichen für die Zukunft maßgeblich durch uns selber beeinflusst werden. Dies erkennen nun nicht wenige erst viel zu spät, wenn man keine Chance hat noch etwas zu ändern und sich dann der selbstgemachten Fehlentscheidungen bewusst wird. Geplagt von seinem eigenen Gewissen wird man nur noch selten ehrlich lachen können. Das Leben wird bestimmt durch die Gewissheit, nicht das erreicht zu haben, was man hätte sein können; nicht das bewirkt zu haben, was man hätte verändern können.

Demgegenüber stehen Menschen, die diese Erkenntnis nicht schon früher erreicht sondern auch ausgebaut haben. Sie haben erkannt, dass es völlig egal ist, ob man nun nett und höflich daher redet oder sich wie das kleine Arschloch benimmt. Alleine das zu erreichende Ziel bestimmt die Art, wie wir miteinander umgehen. Ein/e Ellbogen-Karrierist/in wird nett und höflich sein, wenn es sein muss. Er/Sie wird skrupellos und ohne Rücksicht agieren, wenn es sein muss, um bestimmte Karriereziele zu erreichen.

So ähnlich wird es jemand machen, der altruistische Ziele verfolgt oder meint, altruistische Ziele zu verfolgen. Sein Motiv wird über jeden Preis gestellt und nicht selten müssen dafür andere Menschen Opfer bringen. Es muss bei diesem Typ allerdings einen Unterschied geben: Er/Sie wird seine/ihre Ziele immer transparent und ehrlich den Betroffenen mitteilen. Das ist ein äußerst wichtiger Faktor. Nur durch Ehrlichkeit und Transparenz lässt sich eine Vielzahl von Menschen darauf ein, etwas abzugeben, um in der Zukunft etwas zu erhalten (entweder für sich selber, oder für die Nachkommen).

Allein die Antwort auf die Frage, welches Ziel wir unserem Leben geben, ist entscheidend für dessen Weg.

Schuld daran hat man selbst oder äußere Einflüsse. Der lobenswerten Tatsache das wir uns diese Frage, auf Grund eines nicht existenten Zufriedenheitsgefühls mit der Antwort, immer wieder stellen, steht die bequeme und faule Suche nach der Antwort diametral entgegen.
Schwierige Antworten sind nichts für Menschen. Der Mensch möchte immer einfache Antworten haben, die zwar falsch sein können, auf Grund ihrer Simplizität aber von jedem halbwegs durchwachsenen Gehirn erfasst und zum späteren Abruf gespeichert werden können. Diese Antworten werden frühestens dann angezweifelt, wenn das Fundament dafür brüchig wird, man auf einmal erkennt, dass man getäuscht oder betrogen wurde.

Nicht immer trauen sich die Menschen, die Wahrheit als gegeben anzunehmen. Sie versuchen durch Dehnen, Strecken und Umorganisieren der Informationslage die Wahrheit wieder wahr werden zu lassen, anstatt sie als falsch abzulegen. Es ist viel einfacher, auf dieser Basis weiterzuleben, als sich einer neuen Situation anzupassen und sein Verhalten entsprechend zu ändern. Dieser Zustand, diese Peinlichkeit, dass nicht zugeben von wahren Informationen, ist die größte Sünde unserer modernen Gesellschaft. Wir verdrängen die Probleme, die eine Entwicklung behindern und stellen uns nicht den Herausforderungen des 3. Jahrtausends. Ein paar Beispiele:

  • viele Menschen wissen, dass sich das Klima verändert und dadurch für einige Menschengruppen unwiderrufliche Nachteile entstehen werden, welche sich dann, z.B. durch Migrationen, auch auf die nicht direkt betroffenen Menschen auswirken wird. Und was wird dagegen, auf globaler Ebene, getan? Nichts.
  • seit das Internet die Verbreitung von Informationen für die Menschen so wesentlich erleichtert hat, ist man auch in der Lage, mehr Informationen zu bekommen, als über die klassischen Medien wie Print und Fernsehen. Und was kann man nun im Internet lesen? Man liest, dass sich Politiker, die einen Eid darauf geschworen haben, zum Wohle des Volkes zu dienen, sich in Ihren Entscheidungen meist nur durch wenige Faktoren beirren lassen. Nicht der Wille des Volkes ist entscheidend, sondern die politischen Verstrickungen und Versprechungen zwischen Regierung und Unternehmen, der Fraktionszwang und die Aussicht, mit einer Entscheidung mehr Stimmen bei der nächsten Wahl zu erhalten.

Diese Informationen sind im Internet leicht innerhalb von einer paar Minuten zu recherchieren. Jeder  gebildete Mensch, vor allem in Deutschland, wäre dazu in der Lage. Aber warum haben diese Informationen dann keine Auswirkungen auf die Gegenwart? Weil die Menschen diese Informationen zwar aufnehmen, sie aber nicht zu der Wahrheit zusammen setzen, die existiert. Der Zusammenschluss dieser Informationen und die daraus resultierende Folgerung, dass unser Staat keine Demokratie ist, ist für viele Menschen einfach nicht akzeptabel. Wer möchte schon in einer Bananenrepublik leben?

Nun, ich als 25-jähriger, selbstdenkender Mensch, habe es schwer, meine Ansichten unter meinen Leuten zu teilen. Erfahre ich doch immer wieder ärgerliche Konterreaktionen auf meine Person. Es ist sehr schwer den Menschen (vielleicht besonders schwer, den Deutschen) beizubringen, dass Veränderungen nötig sind, damit die Perspektive unserer Gesellschaft wieder Hoffnung und Besserung zulässt. Wer glaubt schon daran, dass wir in 50 Jahren besser leben werden, als heute?

Den Menschen dies beizubringen, schonend, provokant, manchmal lustig, darum soll es in diesem Blog gehen. Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Dabei sollte aber nie das Ziel aus den Augen verloren gehen.

Syndikalistische Grüße!